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Pinyin - Chinesisch ohne Schriftzeichen?
Eine Lautumschrift für chinesische Zeichen

- von Blandina Brösicke und Tilman Lesche

Wozu braucht man überhaupt eine Lautumschrift?

Im Gegensatz zu den meisten europäischen Sprachen, die mit einem lateinischen Alphabet arbeiten, kann man bei den chinesischen Zeichen die Aussprache nicht ohne weiteres erkennen. Nicht nur Ausländern, sondern auch chinesischen Grundschülern wird deshalb bei ihren ersten Versuchen mit der chinesischen Sprache eine Lautumschrift in Form eines Alphabets beigebracht. Für die Umsetzung chinesischer Schriftzeichen in lateinische Buchstaben gab es bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts keine einheitlichen internationalen Regeln*. Zunächst orientierten sich viele Sprachen an "Wade-Giles", dem im englischen Sprachraum verbreiteten Transkriptionssystem. 1958 führte die VR China dann die Umschrift "Pinyin" ein. Ursprüngliches Ziel war es, dem Analphabetentum im Land beizukommen. Doch inzwischen hat Pinyin fast alle anderen Systeme verdrängt, obwohl die Ausspracheregeln dieser Lautumschrift auch erst erlernt werden müssen. Darüber hinaus ist Pinyin eine sehr effektive Methode für die Eingabe chinesischer Zeichen in den Computer.
Jeder kennt übrigens im Prinzip Pinyin bereits aus der Zeitung, denn chinesische Personen- oder Ortsnamen bestehen wie die gesamte Sprache aus dem festen Silbenvorrat und werden hierzulande (weitestgehend) mit Pinyin transskribiert:

Jiang Zemin jiang-ze-min
Hu Jintao hu-jin-tao
Shanghai shang-hai

Es gibt hiervon einige Ausnahmen, die daher rühren, dass sich traditionelle Schreibweisen zum Zeitpunkt der Einführung von Pinyin bereits so fest etabliert hatten, dass sie noch heute unverändert bestehen. Beispiele:

Traditionelle Schreibweise Pinyin-Schreibweise
Mao Tsetung Mao Zedong
Tschiang Kai-shek Jiang Jieshi
Peking Beijing
Tjen-tsin Tianjin
Tsing-tao Qingdao

Chinesisch - das klingt ja alles gleich

Jedes chinesische Schriftzeichen steht für ein Wort. In der Umgangssprache besitzt das Chinesische etwa 6000 Wörter (rechnet man die Schriftsprache und seltene literarische Ausdrücke mit ein, kommt man sogar auf ca. 50 000). Allerdings gibt es nur 415 Silben. Diese werden in ihrer Aussprache durch 4 verschiedene Töne unterschieden. Der Ton wird als Akzent über dem jeweiligen Hauptvokal der Silbe vermerkt, also:

Trotz dieser Unterscheidung gibt es immer noch viele gleichklingende Wörter. Ein gutes Beispiel sind die Familiennamen, die traditionell nur eine Silbe haben und auch nur bestimmte Zeichen verwenden. Die Möglichkeiten sind hier also stark eingeschränkt, und so findet man in chinesischen Telefonbüchern Hunderte von Seiten mit den Namen Wang, Li oder Song, die unsere Müller, Meier, Schulze noch bei weitem übertreffen. Um das Problem der gleichklingenden Worte zu umgehen, hat man in der Umgangssprache (Namen ausgenommen) häufig zwei oder manchmal auch mehr Silben zu einem Wort verbunden, z.B. Lü-you = reisen, wobei sowohl lü als auch you reisen bedeutet. Ein anderes Beispiel wäre dian-ying= Kino, was sich aus elektrisch (dian) und Schatten (ying) zusammensetzt. Ein ganz anderes Problem liegt darin, daß die sich stark von der Hochsprache unterscheidenden chinesischen Dialekte in Pinyin nicht oder nur schwerlich dargestellt werden können. Auf Taiwan setzt man sich gerade mit diesem Thema auseinander.



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